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Gesundheitspolitik

Kreatin und Kreatinin: Warum erhöhte Nierenwerte bei Sportlern oft kein Warnsignal sind

· Von febert

Worum geht es? Immer öfter sehen wir in der Praxis Laborbefunde mit erhöhten Kreatinin-Werten bei jungen, sportlich sehr aktiven Patient:innen — typischerweise im Rahmen einer arbeitsmedizinischen Vorsorge oder eines Check-ups. Auf dem Befundbogen liest sich das wie ein Hinweis auf eine beginnende Nierenerkrankung. In den allermeisten Fällen ist es genau das aber nicht. Ursache ist ein verbreitetes Sport-Supplement, das die Messung systematisch in eine falsche Richtung zieht: Kreatin.

Kreatin und Kreatinin — zwei verwandte, oft verwechselte Stoffe

Kreatin (engl. creatine) ist eine körpereigene Substanz, die hauptsächlich im Skelettmuskel als Energiespeicher gebraucht wird. Es wird zusätzlich als Nahrungsergänzungsmittel in der Sport- und Fitness-Community in großem Umfang eingenommen, mit dem Ziel, kurzzeitige Maximalleistung und Muskelmasse zu unterstützen.

Kreatinin (engl. creatinine) ist das Abbauprodukt von Kreatin — ein Stoffwechsel-Endprodukt, das über die Nieren ausgeschieden wird. Genau aus diesem Grund nutzen wir das Serum-Kreatinin im Blut seit Jahrzehnten als Standardparameter, um indirekt die glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) und damit die Nierenfunktion abzuschätzen.

Der Knackpunkt: Wer mehr Kreatin im Muskel hat, produziert auch mehr Kreatinin im Blut — unabhängig davon, ob die Niere normal arbeitet. Das ist Stoffwechselchemie, kein Krankheitsbild.

Was bewirkt eine Kreatin-Supplementierung am Laborwert?

Bei einer typischen Erhaltungsdosis von 3–5 g Kreatin pro Tag kann das Serum-Kreatinin um etwa 0,1–0,3 mg/dl ansteigen. Bei der initialen sogenannten „Loading-Phase“ mit 20 g pro Tag über fünf bis sieben Tage ist der Anstieg deutlicher und kann den oberen Referenzwert vorübergehend überschreiten. Auch eine hohe Muskelmasse allein (ohne Supplement-Einnahme) hebt das Kreatinin gegenüber Personen mit weniger Muskelmasse leicht an.

Das Problem entsteht, wenn dieser supplement-bedingt erhöhte Wert reflexartig als beginnende Nierenfunktionsstörung gelesen wird. In den meisten Studien an gesunden Sportler:innen lässt sich kein tatsächlicher Schaden an der Niere nachweisen — gemessen mit Methoden, die nicht über das Kreatinin laufen. Die Nieren filtern weiter normal. Lediglich ihre Indikator-Substanz im Blut ist verschoben.

Warum das in der Praxis wichtig ist

  • Falsch-positive Diagnosen: Eine vermeintliche „chronische Nierenerkrankung Stadium 2″ auf einem arbeitsmedizinischen Befund kann zu Versicherungsfragen, unnötigen Folge-Untersuchungen und vermeidbarer Verunsicherung führen.
  • Folge-Diagnostik mit Aussagekraft: Wenn der Verdacht im Raum steht, ist Cystatin C der bessere Marker. Cystatin C wird von der Muskelmasse und der Kreatin-Einnahme nicht beeinflusst und liefert eine unabhängige Schätzung der Nierenfunktion.
  • Anamnese vor Therapie: Vor jeder weiteren Abklärung gehört die Frage „Nehmen Sie Kreatin oder ähnliche Sport-Supplemente?“ in das Aufklärungsgespräch — und idealerweise die Anweisung, das Supplement für zwei bis vier Wochen abzusetzen und das Labor zu wiederholen.

Wann ist der erhöhte Wert doch ein Warnsignal?

Kreatin-Supplementation ist nach aktueller Studienlage bei nierengesunden Erwachsenen mit normaler Ausgangsfunktion ein gut untersuchtes Sport-Supplement. Vorsicht ist geboten bei Personen mit vorbestehender Nierenerkrankung, deutlich erhöhter Eiweißzufuhr, dehydrierten Ausdauerphasen oder gleichzeitiger Einnahme nephrotoxischer Substanzen (NSAR in höheren Dosen, manche Antibiotika, bestimmte Kontrastmittel). Auch ein abrupter Anstieg über das bei Kreatin erwartbare Maß hinaus — etwa um mehr als 0,3–0,4 mg/dl ohne Supplement-Anamnese — gehört abgeklärt.

Was wir Ihnen in der Praxis empfehlen

  • Erwähnen Sie vor jeder Blutabnahme, ob Sie Kreatin oder ähnliche Sport-Supplemente einnehmen — auch wenn die Frage im Anamnesebogen nicht explizit auftaucht.
  • Bei vermeintlich auffälligem Kreatinin im Routine-Labor: zuerst Supplement für 2–4 Wochen pausieren, dann Verlaufskontrolle. Parallel Cystatin C bestimmen, wenn Klärungsbedarf besteht.
  • Halten Sie die Trinkmenge an Trainingstagen angemessen hoch (1,5–2 Liter zusätzlich zur Basis), das reduziert Dehydrations-Artefakte im Labor.
  • Wenn Sie eine vorbestehende Nierenerkrankung haben, besprechen Sie die Einnahme von Kreatin vorher individuell mit uns.

Wenn Sie einen Befund mit erhöhtem Kreatinin haben und unsicher sind, ob das Sportliche eine Rolle spielt: melden Sie sich gerne. Wir ordnen den Wert mit Ihrer Anamnese und gegebenenfalls einer ergänzenden Cystatin-C-Bestimmung ein, bevor wir Diagnosen vergeben.

Quellen (Auswahl)

  • Persky AM, Brazeau GA. Clinical pharmacology of the dietary supplement creatine monohydrate. Pharmacol Rev. 2001;53(2):161–176.
  • Kreider RB, Kalman DS, Antonio J et al. International Society of Sports Nutrition position stand: safety and efficacy of creatine supplementation in exercise, sport, and medicine. J Int Soc Sports Nutr. 2017;14:18. doi:10.1186/s12970-017-0173-z
  • Ostojic SM, Ahmetovic Z. Creatine and kidney function: Time to dispel a myth? J Sci Med Sport / Med Hypotheses (Übersichtsarbeiten, 2008–2021).
  • Inker LA, Schmid CH, Tighiouart H et al. Estimating glomerular filtration rate from serum creatinine and cystatin C. N Engl J Med. 2012;367(1):20–29. doi:10.1056/NEJMoa1114248
  • Levey AS, Inker LA, Coresh J. GFR estimation: from physiology to public health. Am J Kidney Dis. 2014;63(5):820–834. doi:10.1053/j.ajkd.2013.12.006
  • Bemben MG, Lamont HS. Creatine supplementation and exercise performance: recent findings. Sports Med. 2005;35(2):107–125.

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