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Mensch-Maschine-Interaktion

Smartwatch-Warnung Vorhofflimmern: Was der Hinweis bedeutet

· Von Siegbert Stracke
Patient mit Smartwatch am Handgelenk im Untersuchungsraum, im Hintergrund ein EKG-Monitor

Worum geht es? Immer mehr Patient:innen kommen mit einem Screenshot in die Praxis: Die Smartwatch hat nachts eine unregelmäßige Herzfrequenz gemeldet und den Verdacht auf Vorhofflimmern geäußert – eine Herzrhythmusstörung, bei der die Vorhöfe des Herzens unkoordiniert und sehr schnell arbeiten. Solche Meldungen wirken alarmierend, weil Vorhofflimmern als Risikofaktor für einen Schlaganfall gilt. Ein aktueller Übersichtsbeitrag des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin im KVH Journal ordnet ein, wie belastbar diese Hinweise aus dem Handgelenk tatsächlich sind. Das Ergebnis ist nüchterner, als die Werbung der Hersteller vermuten lässt.

Zwei Messverfahren mit unterschiedlicher Aussagekraft

Smartwatches nutzen zwei technisch getrennte Wege. Die Photoplethysmographie, kurz PPG, ist eine optische Pulsmessung: Leuchtdioden auf der Unterseite der Uhr messen, wie viel Licht das durchblutete Gewebe zurückwirft, und leiten daraus den Pulsverlauf ab. Dieses Verfahren läuft passiv im Hintergrund und sucht nach Unregelmäßigkeiten. Es liefert allerdings nur indirekte Hinweise, denn es sieht die Pulswelle, nicht die elektrische Herzaktivität.

Der zweite Weg ist das Ein-Kanal-EKG. Hier legen Nutzer:innen einen Finger auf die Krone oder den Rahmen der Uhr und zeichnen etwa 30 Sekunden lang eine einzelne Ableitung der elektrischen Herzaktivität auf. Das kommt einem klassischen EKG näher, ersetzt es aber nicht: Ein Ruhe-EKG in der Praxis arbeitet mit zwölf Ableitungen. Für eine gesicherte Diagnose ist die Dokumentation im EKG notwendig – eine PPG-Meldung allein genügt nicht.

Mehr Diagnosen bedeuten nicht automatisch mehr Nutzen

Der entscheidende Punkt betrifft nicht die Technik, sondern die Konsequenz. Screening mit Wearables findet unbestritten mehr Vorhofflimmern. Ob die Betroffenen davon profitieren, ist offen. Die Studien NOAH-AFNET 6 und ARTESiA zeigten, dass bei ausschließlich durch Geräte entdecktem Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko ohne blutverdünnende Behandlung mit rund einem Prozent pro Jahr niedrig liegt. Bevölkerungsweite Screening-Programme wie STROKESTOP II und LOOP konnten thromboembolische Ereignisse, also Gefäßverschlüsse durch verschleppte Blutgerinnsel, nicht signifikant senken.

Die Datenlage stützt sich bislang vor allem auf Machbarkeitsuntersuchungen. Die Apple Heart Study diente der Validierung der PPG-Algorithmen, die Heartline-Studie untersucht, ob sich der Zeitpunkt einer Diagnose vorziehen lässt; ihre Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. Beide Untersuchungen beantworten nicht die eigentlich wichtige Frage, ob Menschen mit einer früher gestellten Diagnose länger oder gesünder leben.

Damit rückt ein anderes Risiko in den Blick: Überdiagnose. Wer nur sehr kurze und seltene Episoden hat – Fachleute sprechen von einer niedrigen AF-Last – erhält möglicherweise eine Behandlung, deren Nebenwirkungen den Nutzen übersteigen. Bei blutverdünnenden Medikamenten steht dem erhofften Schutz ein erhöhtes Blutungsrisiko gegenüber. Für die Beurteilung ist deshalb weniger relevant, ob Vorhofflimmern überhaupt auftritt, sondern wie lange und wie häufig.

Zertifiziertes Medizinprodukt oder reines Lifestyle-Tracking

Ein praktisch wichtiger Unterschied bleibt oft unbemerkt. Funktionen, die Vorhofflimmern erkennen sollen, brauchen in Europa eine CE-Kennzeichnung als Medizinprodukt nach der Medical Device Regulation, der europäischen Verordnung über Medizinprodukte. Nur dann wurde die Messfunktion in einem geregelten Verfahren geprüft. Viele preisgünstige Uhren werben mit Formulierungen wie „EKG-Analyse“, ohne über eine solche Zertifizierung zu verfügen. Deren Daten dürfen für medizinische Zwecke nicht verwendet werden. Ein Blick in die Herstellerangaben klärt, welche Kategorie vorliegt – und das lohnt sich bereits vor dem Kauf.

Was die Leitlinien derzeit sagen

Die deutsche S3-Leitlinie zu Vorhofflimmern von April 2025 empfiehlt kein generelles Screening mit Geräten, die ein kontinuierliches Monitoring erlauben, weil die therapeutischen Konsequenzen unklar sind. Die europäischen ESC-Leitlinien von 2024 formulieren ähnlich zurückhaltend: Wie sich diese Technologien sinnvoll in die klinische Routine einfügen, ist noch zu klären. Große randomisierte Studien zu patientenrelevanten Endpunkten wie Schlaganfallraten fehlen bislang.

Für den Praxisalltag heißt das, solche Meldungen ernst zu nehmen, ohne sie zu überschätzen. Eine Warnung der Uhr ist ein Anlass zur Abklärung, keine Diagnose – und ob sowie wie abgeklärt wird, hängt von Beschwerden, Vorerkrankungen und individuellem Risiko ab. Wenn Sie einen solchen Hinweis erhalten haben, bringen Sie die Aufzeichnung und die Angaben zum Gerät zum nächsten Termin mit; das erleichtert die Einordnung deutlich. Wearables ersetzen die ärztliche Beurteilung nicht, aber sie können ein Gespräch anstoßen, das sonst vielleicht nicht stattgefunden hätte. Wir nehmen uns die Zeit, mit Ihnen zu besprechen, was ein solcher Befund in Ihrer persönlichen Situation bedeutet.

Quelle: KVH Journal 2/2026, Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V.: Früherkennung von Vorhofflimmern mittels Smartwatch

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